GE - Westfalen

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Ein kurzer Blick in die westfälische Kirchengeschichte:
Lutheraner und Reformierte in einer Kirche

 

"Westfalen", mal mit "ph", mal mit "f" geschrieben, steht zwar auf vielen alten Landkarten, aber es war eigentlich die längste Zeit der modernen Geschichte bloß der Name einer Region (das Land, wo ursprünglich der Stamm der Westfalen siedelte). Es war nicht Bezeichnung eines politischen Gebildes. Den Staat Westfalen gab es nicht - mit Ausnahme eines eher nicht ganz ernst zu nehmenden kurzen Kunstgebildes von Napoleons Gnaden, des "Königreiches Westphalen", das es nur von 1807 bis 1813 gab. Westfalen bestand aus einer großen Zahl kleiner und größerer Territorien, teils weltlicher, teils geistlicher Art, dazu einer Reihe von Freien Reichsstädten. Erst 1815/17 wurde Westfalen eine politische Größe - als preußische Provinz. Die ausgeprägte Form deutscher Kleinstaaterei ist für das Verständnis der kirchlichen Entwicklung hier ebenso wichtig wie die Preußenherrschaft.

Nur sieben Jahre, nachdem die 95 Thesen Martin Luthers in Wittenberg bekannt wurden, konnte man in Westfalen erstmals reformatorische Predigten hören. Das war 1524, zunächst in Herford und Lippstadt. Luther selbst stand in Kontakt mit Soest, Herford und Münster. Die reformatorische Lehre breitete sich rasch aus. Dabei entstanden lutherische Gemeinden und solche, die in der Tadition des Reformators Johannes Calvin standen, die man später "reformiert" nannte. Die Evangelischen wurden in den "Geistlichen Territorien" (etwa den Bistümern Münster und Paderborn) fast völlig unterdrückt. Und in der "Grafschaft Mark" (Gebiete am Hellweg, an der Ruhr und im Sauerland) mußten die evangelischen Gemeinden für die Leitung ihrer Kirche selbst sorgen, da der Landesherr sie zwar weitgehend gewähren ließ, sich selbst aber der Reformation versagte.

1568 beschloß der "Weseler Konvent", eine geheime Zusammenkunft von Protestanten, vor allem protestantischer Flüchtlinge aus den Niederlanden, das "presbyterial-synodale" Prinzip, das noch heute für die Kirchen von Westfalen und im Rheinland von großer Bedeutung ist: In eigener Verantwortung entscheiden die Gemeinden vor Ort über das kirchliche Leben. Etwa ab 1610 traten in der Grafschaft Mark lutherische und reformierte Konvente und Synoden zusammen, später entstanden für beide Bekenntnisse presbyterial-synodale Kirchenordnungen.

An den Pietismus, der im 18. Jahrhundert auch in Westfalen spürbar war, knüpften ab etwa 1820 die "Erweckungsbewegungen" an. Schwerpunkte waren das Minden-Ravensberger-Land und das Siegerland.

Im Gefolge des Wiener Kongresses wurde 1815/17 die preußische Provinz Westfalen gegründet (ebenso übrigens die preußische Rheinprovinz). In der preußischen Kirche - also auch in der neuen Kirchenprovinz Westfalen - wollte der König eine einheitliche evangelische Konfession. Darum erließ er 1817 an die beiden protestantischen Kirchen einen "Unionsaufruf". Noch im gleichen Jahr folgten die lutherische und die reformierte Synode der Grafschaft Mark dem Aufruf, sie feierten zusammen Abendmahl und vereinigten sich. Fast alle Gemeinden traten später der "Union" bei. So wurde die westfälische Kirche - ebenso übrigens wie die rheinische - eine "unierte" Kirche: Gemeinden lutherischer, reformierter und später dann auch unierter Tradition sind in einer Kirche verbunden. Ihr jeweiliger Bekenntnisstand ("Lutherischer Katechismus" oder "Heidelberger Katechismus") wird respektiert und geschützt, er trennt die evangelischen Christen aber in keiner Weise mehr.

Nach längerem Streit mit dem preußischen König gelang es 1835, in der neuen Kirchenordnung wichtige Grundzüge des "presbyterial-synodalen" Prinzips zu verankern. Dem König, der Oberhaupt der Kirche war, unterstand als kirchliche Verwaltungsbehörde das "Konsistorium" in Münster.

In Preußen galt religiöse Toleranz. So gab es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts für evangelische Gemeinden auch in ehemals rein katholischen Gegenden neue Entfaltungsmöglichkeiten.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die preußische Kirche mit dem Ende der Monarchie auch ihr Oberhaupt und wurde selbständig. Als die Nationalsozialisten ab 1933 in die Bekenntnisse und Ordnungen der Kirche eingreifen wollten, bildete sich als Opposition die "Bekennende Kirche". Westfalen war unter der Leitung von Präses Karl Koch führend im Kirchenkampf. Auch Martin Niemöller kam aus Westfalen.

Nach 1945 entstand aus der ehemals preußischen Kirchenprovinz die "Evangelische Kirche von Westfalen" mit Landessynode, Kirchenleitung und Landeskirchenamtmit Sitz in Bielefeld. Im Präsesamt folgten auf Karl Koch von 1949 bis 1969 Ernst Wilm, bis 1969 Hans Thimme, bis 1985 Heinrich Reiß, bis 1996 Hans-Martin Linnemann und danach Manfred Sorg.